
Heißes Eisen: Die EU will den Beipackzettel für Medikamente nur mehr digital anbieten. Seniorenbundchef Ernest Schwindsackl läuft dagegen Sturm, auch die Apotheken sind wenig begeistert.
STEIERMARK. Hinter den Kulissen wird intensiv über ein neues EU-Arzneimittelrecht verhandelt. Besondere Brisanz in diesem Zusammenhang kommt dabei dem geplanten digitalen Beipackzettel zu. Kurz gesagt: Man will auf Papier verzichten und die Erklärung zum Medikament nur mehr online anbieten. Für Seniorenbund-Obmann Ernest Schwindsackl ist das absolut ausgeschlossen: „Das ist ein klassischer Fall von Altersdiskriminierung.“
Reform im Arzneiwesen
Zum Hintergrund: Die Europäische Kommission stößt aktuell die größte Reform zum Thema Medikamente seit über 20 Jahren an. Sie will, so heißt es, den geltenden Rechtsrahmen „dynamischer und flexibler“ gestalten. Die vorgeschlagene Überarbeitung ziele darauf ab, die Versorgung mit Arzneimitteln zu verbessern und sie leichter zugänglich und erschwinglicher zu machen. Bei diesem Punkt gebe es, so Schwindsackl meint, akuten Handlungsbedarf: „Österreich ist bei Medikamenten ganz eindeutig ein Hochpreisland. Besonders für ältere Menschen sind die hohen Medikamentenpreise in unserem Land ein großes Problem.“
Zurück zum Hauptkritikpunkt: Die EU-Kommission wünscht sich – so sagen Insider – digitale Beipackzettel unter anderem deshalb, weil man sprachlich neutralisierte Arzneimittel leichter über EU-Grenzen hinweg austauschen könne. Damit hofft man, Versorgungslücken – wie es sie in letzter Zeit häufig gab – zu schließen.
Digitale Zettel ab 2035
In einem Entwurf ist nun vorgesehen, dass die Mitgliedstaaten zunächst selbst entscheiden dürfen, ob sie eine digitale Packungsbeilage oder weiterhin eine in Papierform zur Verfügung stellen wollen. Die EU-Kommission will sich aber ausdrücklich vorbehalten, die elektronische Version in Zukunft einmal verbindlich vorzuschreiben. Das wäre demnach frühestens ab dem Jahr 2035 der Fall.
Nach Ansicht der EU sollte ein Code auf der Arzneimittelpackung auf eine elektronische Version des Beipackzettels verweisen. Für die Optimierung im Hinblick auf die Verständlichkeit könnten in diesem Fall auch Video- und Audio-Dateien zum Einsatz kommen.
Apotheken als „Copyshop“
Für Patientinnen und Patienten, die keinen Zugang zum digitalen Beipackzettel haben, soll die Apotheke die Informationen in der gewünschten Sprache ausdrucken. Damit haben verständlicherweise die Apotheken wenig Freude, sie wollen „nicht zu Druckereien werden“.
Die Packungsbeilage sei, so heißt es im EU-Entwurf, so klar und verständlich zu verfassen und zu gestalten, „dass der Anwender in die Lage versetzt wird, angemessen zu handeln.“ Schwindsackl: „Die Verständlichkeit ist derzeit eine dramatische Schwachstelle der Beipackzettel. Übrigens auch die Lesbarkeit: An den oft extrem kleinen Schriftgrößen müssen leider viele ältere Leserinnen und Leser scheitern.“
Diesbezüglich sind sich auch viele Expertinnen und Experten einig: Es gibt entschieden zu viele Fachausdrücke und Fremdwörter in den Beipackzetteln, aber auch riesige Textmengen, die man kaum bewältigen kann. Manche Beipackzettel sind bis zu einem halben Meter lang.
Die Folge von all dem: Nach Schätzungen von Fachleuten werden bis zu 60 Prozent aller verordneten Medikamente aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen und wegen der schweren Verständlichkeit der Beipackzettel einfach nicht eingenommen. Mit oft schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen, aber auch für das gesamte Gesundheitssystem.
Zwei Drittel der Medikamente für ältere Menschen
Was, so der Landesobmann des Seniorenbundes, rund um das Thema Medikamente viel zu wenig bedacht wird: „Zwei Drittel aller verschriebenen Arzneimittel bekommt ein Drittel der Bevölkerung und das sind die älteren Patienten ab 65 Jahren. Auf sie und ihre besonderen Bedürfnisse ist also unbedingt mehr Rücksicht zu nehmen.“ Ein erster Schritt in diese Richtung müsse daher eine leicht verständliche Kurzanleitung – wohlgemerkt auf Papier– als Ergänzung zum Ungetüm Beipackzettel sein. Sie müsste sich auf das Wesentliche konzentrieren und mehr Rücksicht auf Verständlichkeit, Lesbarkeit und die Vermeidung unnötiger Ängste nehmen.
Optimale Information für die Einnahme von Medikamenten hat aus der Sicht von Schwindsackl für ältere Patientinnen und Patienten noch aus einem weiteren Grund oberste Priorität: Ihnen werden oft zu viele Medikamente verschrieben. Höchstens vier bis sechs pro Patient sollten es sein, sagen Fachleute. Sind es mehr, werden die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Arzneimitteln wie auch die Nebenwirkungen unüberschaubar. Doch in der Realität bekommen viele ältere Menschen oft zehn oder mehr Pillen gleichzeitig.
Schwindsackl abschließend: „Bezüglich der Medikamente gibt es gleich mehrfach akuten Handlungsbedarf. Hier sollte nicht zu lange verhandelt, sondern vor allem eiligst gehandelt werden!“ Der steirische Seniorenbund will dazu einen Beitrag leisten und schon demnächst zu einer Fach-Enquete einladen.
Quelle: EU-Idee: Beipackzettel für Medikamente soll abgeschafft werden – Graz (meinbezirk.at)